määäh!

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Tink tänzelt nervös, den Blick starr nach vorn gerichtet. Ein Pfiff, und sie schnellt los wie von einer Schleuder abgeschossen. Binnen Sekunden ist sie ein flitzender schwarzer Flecken, der eine kleine Herde empört blökender Schafe auf uns zu treibt. Wir sind auf der Clifton Station, einer Schaffarm ein paar Kilometer südlich von Napier in Clifton, kurz vor Cape Kidnappers.

Tom Gordon demonstriert uns mit seinen Hunden das perfekte Zusammenspiel von Mensch und Hund bei der Arbeit. Das funktioniert mit Pfiffen, Handzeichen und kurzen Kommandos, die Hunde reagieren unmittelbar, sie denken mit, das Treiben der Schafe hat fast etwas Tänzerisches.

Tink ist eine Hündin der Arbeitsrasse Heading Dog, ihr Kollege Bounce ein New Zealand Huntaway, der – wie der Name schon vermuten lässt – die Schafe mit lautem Gebell zuvor erstmal aufscheuchte. Sind sie ordentlich in Wallung, kommt der Heading Dog zum Einsatz. Durch Anstarren und Highspeed-Umkreisen hält er die Schafe zusammen oder trennt sie – je nach Bedarf. Heading Dogs gehen auf die Border Collies früher Einwanderer zurück, haben jedoch kurzes Fell und sind leichter und wendiger. Außerdem verzichten sie auf das Border-typische Ducken, da man sie in den neuseeländischen Weiten dann schlechter erkennen würde.

Ein sehr informativer Artikel über die neuseeländischen Arbeitshunde findet sich in der Encyclopedia of New Zealand. Regelmäßig messen sich die besten von ihnen in verschiedenen Disziplinen, den Dog Trials, ausgerichtet von der New Zealand Dog Trials Association.

Clifton Station wurde 1859 gegründet und ist in sechster Generation im Besitz der Familie Gordon. Der zentrale Bereich ist der Woolshed, eine große Scheune, in der seit 1886 die Schafe geschoren werden. Damals wurde (natürlich von Hand) mit Blades, großen Scheren, geschoren. Da bekam ich schon vom Zusehen Krämpfe in der Hand. Heute wird manchmal noch mit Blades geschoren, wenn die Schafe noch etwas Fell behalten sollen, etwa im Winter.

Später wurde auf Maschinenschur umgestellt, die aber auch noch einiges an Manpower erforderte: Ein Mensch treibt die Schermaschine mittels schweißtreibenden Kurbelns an, ein zweiter befreit das Schaf in aberwitzigem Tempo von seiner Wolle.

Heute laufen die Schermaschinen ganz banal mit Strom, aber ein Knochenjob ist das Scheren immer noch: Zunächst wird das Schaf eingefangen, dann geschickt auf den Rücken gedreht (wobei es sich erstaunlich wenig wehrt – sobald der Boden unter den Klauen weg ist, kommen die Viecher in eine Art meditativen Zustand) und dann zack-zack geschoren.

Bezahlt wird der Scherer pro Schaf, je nach Erfahrung zwischen 1.50 und 2 NZD. Neuseeländische Shearers reisen von Station zu Station, sind auch international gefragt und reisen oft nach der Saison ins Ausland, z. B. nach England, um dort bei der Schur zu arbeiten.

Ian, der Chef-Scherer von Clifton Station, versorgte uns mit weiteren beeindruckenden Fakten: Ein geübter Schafscherer schafft rund 300 Schafe an einem 9-Stunden-Tag. Bei Wettbewerben wird diese Zahl noch deutlich getoppt, der Rekord liegt bei über 500 Schafen pro Tag! Es gibt sogar Weltmeisterschaften im Schafescheren, und in Masterton im Süden der Nordinsel findet alljährlich der weltweit größte Wettbewerb „Golden Shears – World Premier Shearing and Wool Handling Championship“ statt. Was es nicht alles gibt!

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Texterin, Redakteurin, Kolumnenschreiberin und Rumreiserin.
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Ein Kommentar

  1. Die Europäer on

    Genial! Man möchte in den nächsten Flieger steigen und zu Euch kommen!  Erinnert auch irgendwie an Dornenvögel ;-)